Die Rezension von Herrn Jürgen Weichardt, veröffentlicht am 03.11.2018 in der NWZ.

Der Künstler wurde in Wilhelmshaven geboren und lebt in Oldenburg.

Nach einer Ausbildung als Bootsbauer bevorzugte Holger Harms den Beruf als Fotograf.

Die Ambivalenz der Verhältnisse ins Bild zu holen, hat sich Holger Harms im Laufe der praktischen Arbeit zum Ziel gesetzt. Und wie die Ausstellung zeigt, sind ihm reizvolle Landschaftsaufnahmen und sachlich kühle Einblicke in aufgegebene Werkräume gelungen. Der Aufbruch eines Kranich-Schwarms frühmorgens im Teufelsmoor setzt die lebhafte Bewegung der aufsteigenden Vögel gegen die noch im Frühnebel und Dämmerlicht erstarrte Busch- und Wasserlandschaft. Solchen Naturaufnahmen stehen Fotografien in den verlassenen Kasernengebäuden in Donnerschwee gegenüber, ehe sie in ein Wohngebiet verwandelt wurden. Manche Fotos atmen noch den Geruch der Fahrzeugreparaturen, auch wenn nur kahle Wände, fest installierte Kräne oder Sicherheitszeichen, Warnstreifen und Inschriften zu sehen sind. Alles ist schön aufgeräumt dem Abbruch ausgeliefert.

Holger Harms hatte, wie er berichtet, schon als Jugendlicher Interesse, die Hafenanlagen und Industriebauten seiner Heimatstadt Wilhelmshaven zu besuchen. Die Fotografien deuten an, was ihn gefesselt haben mag: so die sich überlagernden Formen verschiedener Architekturpartien an der Fassade der Kammgarnspinnerei, deren Gebäude ursprünglich der Marine-Verwaltung gedient hatte. Der Künstler gibt seiner Fotografie den sprachlich knappen Titel „deep“, der sich auf die Geschichte des Hauses ebenso beziehen kann wie auf die Strukturen der Architektur.Zuweilen heftet sich der Blick des Künstlers auch auf den Fußboden: In einer Fabrik, die leer steht, hat sich am Boden Wasser mit Öl verbunden. Spiegelungen einzelner Fenster und kleine Öllachen ergeben ein an Farbtönen reiches Spiel von Nah und Fern auf engem Raum.

An einem anderen Ort, dem Übergang zwischen zwei Gebäuden der Carl-von-Ossietzky-Universität, fällt der Blick auf einen schwarzen Teerbelag mit zwei kleinen hellen Balken, die die Fahrbahn teilen, und zahlreichen kleinen hellen Punkten – ausgespucktes Kaugummi. Die äußerste Kargheit dieser Fotografie verfremdet den Müll der menschlichen Gesellschaft und macht das Bild zu einer strengen Schwarz-Weiß-Komposition.

Ähnlich reduziert wirken die beiden Fotografien aus dem ehemaligen Gefängnis im Gerichtsviertel: Kahle dunkle Wände und der trostlose Blick aus einem kleinen vergitterten Fenster auf ferne Bäume, die von einer Mauer abgeschirmt werden, waren keine Hoffnungsträger wie auch der Titel „Atemnot“ andeutet.Umso reicher ist dann die Wiedergabe eines Graffiti in der Donnerschweer Kaserne, das während eines Freifeld-Festivals entstanden ist. Neben einem Fenster wurde das Gesicht eines afrikanischen Mädchens gemalt, das in sich versunken scheint. Ein beruhigender Moment im lebhaften Treiben eines Festivals. Nur einmal gerät der Fotograf selbst in den Fokus seines Apparats, wenn er, während er mit der Funkenschleuder Licht sprüht, auf seinen Fernauslöser drückt.